Ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwarten würde, als mich einige meiner Mitstudenten von der Uni in Nanjing zum Festival in Changjiang einluden. Aber es klang gut. Und zu sehen, wie so ein Festival in China ist, klang besonders vielversprechend. Denn tanzen und Party machen ist ja nicht gerade das, was man des Chinesen Lieblingsbeschäftigung nennen würde. In den Ausgang zu gehen ist ein eher neues Phänomen und auch nicht so verbreitet. Zumindest abseits von Shanghai und Beijing.
Man geht vielleicht zusammen Abendessen oder Karaoke singen, aber nicht in einen Club, um zu tanzen. Dementsprechend klein ist daher auch das Angebot hier in Nanjing, das zwar eine 7-Millionenstadt, aber eben sehr chinesisch ist.
Ich war also sehr gespannt, als wir uns nach Changjiang aufmachten.
Das Festivalgelände befand sich auf einer Insel im Yangtse, die über einen eindrücklichen Viadukt mit beiden Seiten des Flusses verbunden ist. Ausser ein paar wenigen Häusern und den massiven Stützen des Viadukts, die sich in die Erde bohren, befindet sich da allerdings nichts.
Das Midi-Festival gibt es schon seit 10 Jahren, in Changjiang findet es jedoch erst zum dritten Mal statt. Am Eingang stehen viele Neugierige, die das geschäftige Treiben der eintreffenden Festivalgänger beobachten. Die Mutigeren unter ihnen kaufen sich gleich selbst ein Ticket und mischen sich unters Volk. Und so kommt es, dass das Publikum nicht nur, wie bei uns so üblich, aus vergnügungshungrigen Jungen, sondern aus einer bunten Mischung von Menschen besteht. Menschen um die 60, Familien mit kleinen Kindern, aufgetackelte junge Chinesinnen in Highheels (auch daran erkennt man Festivalneulinge bekanntlich), chinesische Punks, Hippies, und zhao ren (Szenies). Ebenso ein paar wenige, meist aus dem nahen Shanghai angereiste Expats. Alle wollen sehen, was da Neues passiert. Diese Offenheit hat mich überrascht und gefreut. Ich wünschte mir manchmal mehr davon bei uns.
Auf drei Bühnen fanden die Konzerte statt. Auf den grösseren beiden wurde vor allem Rock und Heavy Metal gespielt. Während die meisten Bands aus China kamen, waren die DJ’s der Dance Stage fast alle aus dem Ausland. Techno scheint denn auch noch wenig bekannt zu sein hier. Wohl mit Gefühlen zwischen Faszination und Ratlosigkeit standen die Chinesen in einem weiten Bogen um die Bühne und schauten den spastisch tanzenden Westlern zu. Erst mit Einbruch der Dunkelheit getrauten sie sich mitzumachen und im Schlamm auf und ab springend die Glieder zu schütteln.
Die Rockszene scheint da schon etablierter. Es gibt einige bekannte lokale Rockbands und während den Konzerten wird heftig geheadbangt und die Hände gen Himmel gereckt. Gefallen hat mir deren Musik allerdings nicht besonders. Nicht nur weil ich kein Heavy Metal Fan bin, sondern auch weil alles irgendwie ein bisschen imitiert wirkt. Ein wenig abgekupfert von dem, was man bei uns halt so kennt. Doch während Rock bei uns eine Geschichte hat, scheint er mir hier wie aufgepfropft.
Aber womöglich ist halt eben dies die Geschichte des chinesischen Rocks: Dass eine Entwicklung, wie sie bei uns in den 60-er, 70-er Jahre statt gefunden hat, hier nicht möglich war und die Ideale des Westens jetzt halt im Schnellgang angestrebt werden. Vielleicht entwickelt er sich nachher weiter und wird daraufhin vom Westen kopiert.
Auf jeden Fall lief es mir schon mal kurz kalt den Rücken hinab, als die fetten Amerikaner von Soulfly ins Publikum brüllten: “Chinaaaaaa, put your fucking hands up it the air!!!”, und ich mir bewusst wurde, dass ich jetzt gerade in China bin. Im China, von dem zur Zeit überall geredet wird.





Wednesday, October 6th, 2010 at 9:54 pm, Filed under: China by sophie
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