Pulati

Da das chinesische Essen sehr fettig und die Betten sehr hart sind, habe ich mir ein Fitness-Abo zugelegt.
Ganz so günstig, wie ich mir das vorgestellt habe, war es allerdings nicht.
Ich habe mittlerweile gelernt, dass alles, was nicht traditionell chinesische Wünsche befriedigt, beziehungsweise zu neuen westlichen Moden gehört, nur wenig günstiger ist, als bei uns. Ein Cappuccino kostet dann schon mal 4.50 Franken. Und auch Marken-Artikel sind so teuer, wie sie es bei uns sind. Dafür ist das Angebot an Fälschungen kaum zu überschauen und man kann in ganz normalen Einkaufszentren gefälschte Kleidung, DVD’s oder Kosmetika kaufen.

Aber zurück zum Fitness-Abo. Da das Fitness-Center doch eines der günstigen ist, sind fast alle Mitglieder Chinesen. Und so war es keine Überraschung, als ich mich als einzige Ausländerin in einem Raum voller Chinesinnen zum Pilates Unterricht einfand. Pulati sei das, korrigierte mich eine Mitturnerin, als ich sie nach dem Kurs fragte.

Ich verstand natürlich kein Wort – oder sagen wir, fast kein Wort – von den Anleitungen, die der muskelbepackte Chinese am andern Ende des Saales von sich gab. Und es blieb mir nichts anderes übrig, als auch in den verrücktesten Posen einfach bei meiner Nachbarin abzuschauen, wie man seinen Körper gerade verrenken sollte.

Der Unterricht hatte allerdings durchaus seinen Lerneffekt: Links und Rechts vergesse ich jetzt bestimmt nicht mehr und ich weiss jetzt auch, was Beckenboden heisst: Fubu. (Kann sich jemand an diese Hiphop-Kleidermarke erinnern?)

Kinderkacke

Wenn man hier in einen übel riechenden Haufen am Strassenrand tritt, dann ist man vermutlich in Kinderkacke getreten.
Chinesische Kinder tragen nämlich keine Windeln, sondern haben einfach eine Öffnung in der Hose und wenn sie mal müssen, erledigen sie das ohne Aufsehen zu erregen mitten auf der Strasse.

Changjiang Festival

Ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwarten würde, als mich einige meiner Mitstudenten von der Uni in Nanjing zum Festival in Changjiang einluden. Aber es klang gut. Und zu sehen, wie so ein Festival in China ist, klang besonders vielversprechend. Denn tanzen und Party machen ist ja nicht gerade das, was man des Chinesen Lieblingsbeschäftigung nennen würde. In den Ausgang zu gehen ist ein eher neues Phänomen und auch nicht so verbreitet. Zumindest abseits von Shanghai und Beijing.
Man geht vielleicht zusammen Abendessen oder Karaoke singen, aber nicht in einen Club, um zu tanzen. Dementsprechend klein ist daher auch das Angebot hier in Nanjing, das zwar eine 7-Millionenstadt, aber eben sehr chinesisch ist.

Ich war also sehr gespannt, als wir uns nach Changjiang aufmachten.

Das Festivalgelände befand sich auf einer Insel im Yangtse, die über einen eindrücklichen Viadukt mit beiden Seiten des Flusses verbunden ist. Ausser ein paar wenigen Häusern und den massiven Stützen des Viadukts, die sich in die Erde bohren, befindet sich da allerdings nichts.

Das Midi-Festival gibt es schon seit 10 Jahren, in Changjiang findet es jedoch erst zum dritten Mal statt. Am Eingang stehen viele Neugierige, die das geschäftige Treiben der eintreffenden Festivalgänger beobachten. Die Mutigeren unter ihnen kaufen sich gleich selbst ein Ticket und mischen sich unters Volk. Und so kommt es, dass das Publikum nicht nur, wie bei uns so üblich, aus vergnügungshungrigen Jungen, sondern aus einer bunten Mischung von Menschen besteht. Menschen um die 60, Familien mit kleinen Kindern, aufgetackelte junge Chinesinnen in Highheels (auch daran erkennt man Festivalneulinge bekanntlich), chinesische Punks, Hippies, und zhao ren (Szenies). Ebenso ein paar wenige, meist aus dem nahen Shanghai angereiste Expats. Alle wollen sehen, was da Neues passiert. Diese Offenheit hat mich überrascht und gefreut. Ich wünschte mir manchmal mehr davon bei uns.
Auf drei Bühnen fanden die Konzerte statt. Auf den grösseren beiden wurde vor allem Rock und Heavy Metal gespielt. Während die meisten Bands aus China kamen, waren die DJ’s der Dance Stage fast alle aus dem Ausland. Techno scheint denn auch noch wenig bekannt zu sein hier. Wohl mit Gefühlen zwischen Faszination und Ratlosigkeit standen die Chinesen in einem weiten Bogen um die Bühne und schauten den spastisch tanzenden Westlern zu. Erst mit Einbruch der Dunkelheit getrauten sie sich mitzumachen und im Schlamm auf und ab springend die Glieder zu schütteln.

Die Rockszene scheint da schon etablierter. Es gibt einige bekannte lokale Rockbands und während den Konzerten wird heftig geheadbangt und die Hände gen Himmel gereckt. Gefallen hat mir deren Musik allerdings nicht besonders. Nicht nur weil ich kein Heavy Metal Fan bin, sondern auch weil alles irgendwie ein bisschen imitiert wirkt. Ein wenig abgekupfert von dem, was man bei uns halt so kennt. Doch während Rock bei uns eine Geschichte hat, scheint er mir hier wie aufgepfropft.
Aber womöglich ist halt eben dies die Geschichte des chinesischen Rocks: Dass eine Entwicklung, wie sie bei uns in den 60-er, 70-er Jahre statt gefunden hat, hier nicht möglich war und die Ideale des Westens jetzt halt im Schnellgang angestrebt werden. Vielleicht entwickelt er sich nachher weiter und wird daraufhin vom Westen kopiert.
Auf jeden Fall lief es mir schon mal kurz kalt den Rücken hinab, als die fetten Amerikaner von Soulfly ins Publikum brüllten: “Chinaaaaaa, put your fucking hands up it the air!!!”, und ich mir bewusst wurde, dass ich jetzt gerade in China bin. Im China, von dem zur Zeit überall geredet wird.

Die ersten Wochen in China

Nach gut zwei Wochen habe ich mich langsam ein wenig eingewöhnt in der Millionenstadt Nanjing. Ich kenne die Restaurants und Imbisstände des Quartiers, ich weiss, welcher Bus einen ins Zentrum bringt und ich weiss mittlerweile auch, wo sich die Haltestelle befindet, um wieder zurück zukommen. Ich habe eine Papeterie gefunden, mit allen Utensilien, die ein Architektur-Student so braucht und die Druckereien ausfindig gemacht.
Ausserdem bewege ich mich mittlerweile geschmeidig wie ein Fisch im dichten, chaotischen Strassenverkehr der Stadt.

Ein Problem allerdings bleibt: Die Kommunikation.

Am Anfang, kurz nach meiner Ankunft, war ich schon sehr stolz darauf, erfolgreich nach der Toilette gefragt zu haben oder ein paar ganz simple Worte mit einem Herrn in der Metro wechseln zu können. Aber leider ist das Leben einiges komplizierter, als es das Vokabular, das ich in den drei Wochen Chinesisch-Unterricht gelernt habe, zulässt. Und langsam, da ich mich schon öfters in der Situation widerfand, mich nicht verständlich machen zu können, bin ich ein wenig frustriert. Und ich frage mich, wie zum Teufel, soll das jemals besser werden?

Momentan läuft das Experiment, mit ein paar Mitstudentinnen einen Tandem-Austausch aufzubauen. Ich helfe ihnen bei den Spanisch-Aufgaben und sie lernen mit mir Chinesisch. Aber ich glaube, dem Chinesisch-Monster muss mit einem strategisch clevereren Plan begegnet werden, sonst kommt man dem nicht bei. Ich habe heute also beschlossen, professionellen Unterricht zu nehmen. Diesen zu organisieren, scheint jedoch nicht ganz einfach zu sein. Zumal zur Zeit Feiertage über Feiertage die Chinesen beglücken.